Bergführer werden ist wie Bergdoktor schauen, nur krasser!
Die Birne qualmt! Heinz Rüdiger (Name von der Redaktion geändert) versucht den Schleifknoten zu lösen. Geht leider nicht, da ein Minikrangel in der 5,5 mm Aramidreepschnur das Durchziehen der nunmehr verklemmten Schlaufe verhindert. „Zefix” murmelt er. Carla (Name von der Redaktion geändert) hängt 3 Meter tiefer und schaut ihrem schwitzenden Kandidatenkollegen leicht beunruhigt auf die Finger. Manno! Jetzt dauert’s wieder bis der mit dem Hochziehen fertig wird. Die Aufgabe an sich hat sich ganz leicht angehört: „Umbauen auf Microtraxion, Umlasten, Selbstsicherung verlängern und mit Körperhubunterstützung hochziehen“ hat der Ausbilder die Übung angesagt. Kein Thema oder? Von wegen, Riesenthema! Der Teufel steckt im Detail. In diesem Fall in der abgeschnittenen und verschweißten Aramidreepschnur, die fiese Minikrangel bildet und bei zu zaghaftem Zug beim Öffnen des Schleifknotens stecken bleibt und blockiert.
„Des gibt’s doch nicht!“
4. Versuch: Nach Gewalt hilft mehr Gewalt. Die dünne Reepschnur schneidet sich in die Handfläche, die um die Hand gelegte Dreifachschlaufe schneidet sich in die Mittelhand, drückt die Handfläche zum Halbrund zusammen. Ergebnis: nüschte!
5. Versuch: mit dem zur Ausrüstung gehörigen HMS-Karabiner baut Heinz-Rüdiger ein lösbares Körperzugsystem auf um noch mehr ziehen zu können. Zwischenzeitlich ist das T-Shirt am Rücken komplett nass, weil durchgeschwitzt. Der wiederholte Versuch die elendige Schlaufe durch den Knoten zu ziehen scheitert erneut… Heinz-Rüdiger ist kurz davor zu platzen. Erst der Folgeversuch mit 90° veränderter Zugrichtung ist endlich erfolggekrönt. Carlas Hoffnungsbarometer verzeichnet einen leichten Ausschlag nach oben. Vielleicht hängt sie doch nurmehr weitere 5 Minuten im Gurt und darf dann endlich selber ans Werk.
So, oder so ähnlich, oft auch viel schlimmer ist es uns letzte Woche auf dem Bergrettungslehrgang des aktuellen Ausbildungsjahrgangs der deutschen Bergführerausbildung ergangen. Die inhaltliche Dichte des Kurses ist atemberaubend. Die Kombination aus Hitze und ganztägigem komplexem Denksport hat uns die Birne weich gekocht. Danke an alle, ihr habt so gut mitgespielt, dass unsere Abschlussübung so realistisch aussah, daß die Passanten denen wir begegnet sind mit Hand anlegen wollten… (während dieser Übung sind die enthaltenen Bilder entstanden)